Zeit zu Handeln: Die Zeit des Analysierens und Versprechens ist jetzt vorbei

Beim Kampf gegen den Klimawandel sind verbindliche Ziele wichtig, allerdings läuft uns die Zeit davon und der Fokus sollte vor allem auch darauf liegen, entschlossen und optimistisch zu handeln. Dabei müssen die Menschen «mitgenommen» und der technologische Fortschritt gefördert werden. Der Wirtschafts- und Finanzsektor spielt bei der Transformation eine zentrale Rolle.

Der Kampf gegen den Klimawandel beherrscht zu Recht die weltweiten Schlagzeilen. Dies nicht zuletzt deswegen, weil der Klimawandel nicht mehr etwas Abstraktes ist. Jeder Mensch auf unserem Planeten sieht die Auswirkungen eines «weiter so»: Schmelzende Gletscher, brennende Wälder oder überflutete Landschaften. Der Klimawandel findet vor unserer Haustüre statt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die ganze Welt im November gebannt auf Glasgow geschaut hat. Die dort stattfindende Weltklimakonferenz hatte eine deutliche Reduktion des menschengemachten CO2, dem Haupttreiber des Klimawandels, zum Ziel. Denn 100 Jahre nachdem das Ölzeitalter eingeläutet wurde, ist es höchste Zeit, die lebensbedrohlichen Kollateralschäden zu minimieren und das neue Zeitalter der erneuerbaren Energien endgültig einzuläuten.

«Nach Glasgow» ist wichtiger als Glasgow selbst

Doch was ist von den Ergebnissen zu halten? Glasgow war ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, hat aber bei weitem nicht alle Probleme gelöst und auch nicht das gebracht, was sich viele vom Klimagipfel erwartet haben. Zwar werden erstmals Kohle und andere fossile Energieträger zum Auslaufmodell erklärt. Im Pariser-Abkommen von 2015 waren diese noch nicht als Haupttreiber des Klimawandels genannt worden. Dazu soll der Treibhausgasausstoß bis 2030 um 45 Prozent im Vergleich zu 2010 gedrosselt werden. Die Staaten werden überdies bereits Ende 2022 ihre neuen Einsparziele präsentieren, das ist drei Jahre früher als ursprünglich vorgesehen. Für die jungen Klimaaktivisten rund um Greta Thunberg und die Friday for Future-Bewegung ist Glasgow grandios gescheitert. Doch auch sonst hört man viel Fundamentalkritik.

Fakt ist: selbst wenn wir alle Commitments umsetzen, werden wir das 1,5 Grad Ziel nicht erreichen, sondern bei etwa 2,4 Grad zu liegen kommen und mit rund 600 Millionen Klimaflüchtlingen rechnen müssen. Die Zeit des Zuwartens, Nachdenkens, Analysierens und Versprechens ist vorbei. Ziele sind da, um sie zu erreichen. Dies gilt für die einzelnen Institute, die gesamte Wirtschaft und die Politik. Dem erkannten Handlungsbedarf müssen konkrete Aktionen folgen – auf allen Ebenen. Denn was wir in den nächsten 10 Jahren nicht tun, können wir vielleicht später gar nicht mehr tun, denn es ist unumkehrbar. Für diese dringend nötige Energiewende und Transformation hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft sind aber enorme Summen an Kapital erforderlich.

Wachstum und Wohlstand durch Nachhaltigkeit und Innovation

Mit der Glasgow Financial Alliance for Net Zero (GFANZ) haben sich 450 Finanzinstitute aus 45 Ländern, die insgesamt 130 Billionen US Dollar verantworten, zu Netto Null verpflichtet. um damit diesen enormen Umbau der Wirtschaft mitzufinanzieren. Die Bankenindustrie ist Teil davon und hat sich unter dem Dach der UNEP FI zur Net-Zero Banking Alliance (NZBA) zusammengeschlossen. Der Finanzplatz Liechtenstein gehört ebenfalls zu dieser lösungsorientierten Fraktion. Mit der LGT Group, der LLB und der VP Bank sind alle drei liechtensteinischen Großbanken mit einem Anteil von mehr als 85% der verwalteten Vermögen auch der NZBA beigetreten und haben einen klaren Fahrplan zu Netto Null.

Nicht von ungefähr haben die liechtensteinischen Banken in der Roadmap 2025, der Mehrjahresstrategie des Bankenplatzes, eine ambitionierte Vision geäussert: Wir wollen einen wertvollen Beitrag zur Transformation der globalen Wirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Der Bankenplatz bekennt sich damit geschlossen und nochmals einiges pointierter als früher zu Innovation und Nachhaltigkeit, die beiden Treiber für Wachstum und Wohlstand. Die Förderung von nachhaltigen ESG-konformen Investmentportfolios, eine hohe Bedeutung von sozialen Aspekten bei Banken und Verband sowie ein Fokus auf sehr langfristig orientierte Geschäftsmodelle zeigen, wohin wir steuern wollen. Es handelt sich um eine umfassende Nachhaltigkeit, die nicht bloß die zugegeben drängenden Klimafragen berücksichtigt, sondern ganzheitlich ist und sich an den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen (SDG) der UNO ausrichtet.

Verhaltensänderungen gehören zu unserem Leben

Die vor uns stehende Aufgabe ist zweifelsohne eine Mammutaufgabe. Erfolgreich werden wir nur dann sein, wenn es uns gelingt, die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen und dafür begeistern zu können. Daher ist eine offene und ehrliche Kommunikation so wichtig. Wir müssen uns ernsthaft fragen, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen. Wollen wir das Ziel von Netto Null wirklich erreichen, müssen wir in erster Linie deshalb umdenken. Und zwar in zwei Bereichen. Erstens braucht es Innovation und eine Technologieoffenheit sowie den Mut, diese auch zuzulassen. Ermöglichen ist das Gebot der Stunde und nicht verbieten. Zweitens sollten wir endlich aufhören, von Verzicht für die Menschen zu sprechen. Was es braucht, sind einzig Verhaltensänderungen – eine Abkehr von unseren alten Verhaltensmustern. Das ist nicht einfach, längerfristig betrachtet aber das normalste der Welt. Wer fährt denn heute noch mit der Kutsche zur Arbeit? Wer benutzt heute noch Rauchzeichen für die Kommunikation? Der technologische Fortschritt machte es möglich und wir müssen ihn jetzt und heute dazu nutzen, daß wir in besserem Einklang mit der Umwelt und der Natur leben und gleichzeitig einen hohen Wohlstand genießen können. Die Gret(a)chen-Frage lautet also: sind wir bereit, in Generationen zu denken und zu handeln und unsere Verhaltensmuster zum Wohl unserer nächsten Generationen zu ändern?

Simon Tribelhorn, Geschäftsführer Liechtensteinischer Bankenverband

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